Chiropraktik, Osteopathie

Einführung: Praktische Therapien

Chiropraktik, Osteopathie und Manuelle Therapie stellen unterschiedliche, sich jedoch überschneidende Gesundheitsansätze dar, die praktische Techniken zur Diagnose, Behandlung und Prävention von muskuloskelettalen und verwandten Erkrankungen einsetzen. Sie konzentrieren sich häufig auf die Beziehung zwischen der Körperstruktur (hauptsächlich Wirbelsäule, Gelenke und Weichteile) und ihrer Gesamtfunktion (1, 2, 3).

Während in der Vergangenheit einige Ansätze kraftvollere Techniken beinhalteten, integriert die moderne manuelle Medizin zunehmend eine Reihe von Methoden, einschließlich sanfter "Weichteiltechniken" neben Gelenkmanipulation und -mobilisation, die auf die individuellen Bedürfnisse und den Zustand des Patienten zugeschnitten sind (1, 4).

Definition von Chiropraktik, Osteopathie und Manueller Therapie

  • Chiropraktik: Ein Gesundheitsberuf, der sich in erster Linie auf die Diagnose und Behandlung mechanischer Störungen des Bewegungsapparates, insbesondere der Wirbelsäule, konzentriert. Chiropraktiker verwenden häufig die Wirbelsäulenmanipulation (Justierung) als ihre Hauptbehandlungsmethode, mit dem Ziel, die Gelenkbeweglichkeit wiederherzustellen und die Funktion des Nervensystems zu verbessern (1, 5).
  • Osteopathie: Ein Diagnose- und Behandlungssystem, das die strukturelle und funktionelle Integrität des Körpers betont. Osteopathen (DOs in den USA, Osteopathen anderswo) verwenden eine Vielzahl manueller Techniken, einschließlich Manipulation, Mobilisation und Weichteilarbeit, oft mit einer ganzheitlichen Perspektive, die den Körper als integrierte Einheit betrachtet (2, 6). Einige osteopathische Ansätze umfassen auch viszerale und kraniale Techniken, obwohl die Evidenz dafür variiert.
  • Manuelle Therapie: Ein weiter gefasster Begriff, der sich auf spezialisierte praktische Techniken bezieht, die hauptsächlich von Physiotherapeuten, aber auch von Osteopathen, Chiropraktikern und anderen angewendet werden. Sie umfasst Gelenkmobilisation, Gelenkmanipulation und verschiedene Weichteiltechniken zur Behandlung von neuro-muskuloskelettalen Schmerzen und Dysfunktionen (3, 4).

Diese Therapien basieren oft auf dem Prinzip, dass die Wiederherstellung der normalen Bewegung und Ausrichtung in Gelenken und Weichteilen Schmerzen lindern, die Funktion verbessern und die natürlichen Heilungsprozesse des Körpers unterstützen kann.

Häufig angewandte Techniken

Praktizierende wenden eine Vielzahl von praktischen Methoden an:

Wirbelsäulenmanipulation / -anpassung

Dies beinhaltet typischerweise die Anwendung eines kontrollierten Impulses mit hoher Geschwindigkeit und geringer Amplitude (HVLA-Thrust) auf ein bestimmtes Wirbelsäulengelenk oder andere Gelenke (1, 5). Das Ziel ist oft, die Gelenkbewegung wiederherzustellen, Schmerzen zu reduzieren und die Nervenfunktion zu beeinflussen. Es ist eine primäre Technik in der Chiropraktik und wird auch von einigen Osteopathen und speziell ausgebildeten manuellen Physiotherapeuten angewendet.

Die Wirbelsäulenmanipulation (Justierung) ist eine häufige Technik, die in der Chiropraktik und anderen manuellen Therapien für Wirbelsäulenerkrankungen verwendet wird (1, 5).

Die Manipulation kann auf verschiedene Regionen angewendet werden, wie z. B. die Brustwirbelsäule.

Gelenkmobilisation

Dies sind typischerweise langsamere, passive Bewegungen, die auf ein Gelenk innerhalb oder an der Grenze seines Bewegungsumfangs angewendet werden, mit dem Ziel, die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu reduzieren und die Gelenkernährung zu erhöhen (3, 4). Je nach Ziel werden verschiedene Grade der Mobilisation verwendet.

Weichteiltechniken

Eine Vielzahl von Methoden zielt auf Muskeln, Faszien, Bänder und Sehnen ab (3, 4, 6):

  • Myofasziales Release: Anwendung von anhaltendem Druck oder Dehnung auf Faszien (Bindegewebe), um Restriktionen zu lösen.
  • Muskelenergietechniken (MET): Nutzung willkürlicher Muskelkontraktionen durch den Patienten gegen einen kontrollierten Gegendruck des Behandlers, um die Gelenkbeweglichkeit zu verbessern oder Muskeln zu verlängern.
  • Postisometrische Relaxation (PIR): Eine spezifische MET-Variation, die eine sanfte isometrische Kontraktion gefolgt von Entspannung und passiver Dehnung beinhaltet.
  • Strain-Counterstrain (Positionierungs-Release): Bewegen des Körperteils in eine Position maximaler Entspannung, um Muskelverspannungen zu lösen.
  • Triggerpunkttherapie: Anwendung von Druck auf überempfindliche Punkte innerhalb der Muskeln, um lokale und ausstrahlende Schmerzen zu lindern.
  • Therapeutische Massage: Verschiedene Techniken (Effleurage, Petrissage, Friktion), die auf Muskeln und Weichteile angewendet werden, um Verspannungen zu reduzieren, die Durchblutung zu verbessern und Schmerzen zu lindern. Wird oft vorbereitend vor Gelenktechniken eingesetzt.
Weichteiltechniken zielen darauf ab, Muskelverspannungen und Schmerzen zu lindern, wie z. B. Nackenmuskelkrämpfe, die möglicherweise zu Kopfschmerzen beitragen (3, 4).

Myofasziales Release ist eine Art von Weichteiltechnik, die verwendet wird, um Restriktionen zu behandeln und möglicherweise Beschwerden wie Kreuzschmerzen oder Ischias-ähnliche Symptome zu lindern (4).

Manuelle Techniken können auf Muskelverspannungen (muskulär-tonisches Syndrom) in der Kaumuskulatur im Zusammenhang mit Kiefergelenkserkrankungen (CMD) abzielen (4).

Indikationen (Häufig behandelte Erkrankungen)

Ansätze der manuellen Therapie werden häufig zur Behandlung eingesetzt bei (1, 3, 5, 6):

Hinweis: Die Anwendung bei viszeralen Erkrankungen (Ptosis, Dyskinesie) erfolgt hauptsächlich innerhalb spezifischer osteopathischer Rahmenbedingungen und entbehrt einer breiten wissenschaftlichen Validierung (2).

Kontraindikationen und Risiken

Obwohl sie im Allgemeinen als sicher gelten, wenn sie von geschulten Praktikern durchgeführt werden, haben manuelle Therapien, insbesondere die Wirbelsäulenmanipulation, Kontraindikationen und potenzielle Risiken (1, 7, 8).

Absolute Kontraindikationen (Sollten in dem Bereich NICHT durchgeführt werden):

  • Knochenfraktur
  • Wirbelsäuleninstabilität (z. B. schwere Spondylolisthesis, posttraumatisch)
  • Malignität (Krebs) im Behandlungsbereich
  • Aktive Infektion (z. B. Osteomyelitis, Spondylodiszitis)
  • Cauda-equina-Syndrom oder fortschreitendes neurologisches Defizit (erfordert dringende medizinische/chirurgische Abklärung)
  • Schwere Osteoporose (relativ zu kraftvollen Techniken)
  • Bestimmte entzündliche Arthropathien während eines akuten Schubs (z. B. Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew bei instabiler Wirbelsäule)
  • Fehlende Zustimmung des Patienten
  • Fehlende Diagnose

Relative Kontraindikationen / Vorsichtsmaßnahmen (Erfordern sorgfältige Abwägung, Modifikation oder Vermeidung):

Vaskuläre Risiken bei der Manipulation der Halswirbelsäule:

Ein seltenes, aber schwerwiegendes Risiko, das speziell mit der Manipulation der Halswirbelsäule verbunden ist, ist die Verletzung der Wirbel- oder Halsschlagadern (Dissektion), die zu einem Schlaganfall führen kann (7, 8). Ein sorgfältiges Screening auf Risikofaktoren und Anzeichen/Symptome einer Gefäßpathologie ist vor der Durchführung einer Halswirbelsäulenmanipulation entscheidend. Zu den wichtigsten Warnsignalen (Red Flags) gehören (7):

  • Vorgeschichte von Nacken-/Gefäßtrauma, migräneartigen Kopfschmerzen, Bluthochdruck, Rauchen, relevanten Herz-/Gefäßerkrankungen, früherem Schlaganfall/TIA, Diabetes, Gerinnungsstörungen.
  • Akutes Auftreten von schweren, ungewöhnlichen Nacken-/Kopfschmerzen.
  • Anzeichen einer Vertebrobasilären Insuffizienz (VBI): Die "5 D's und 3 N's" - Dizziness (Schwindel), Diplopie (Doppeltsehen), Dysarthrie (verwaschene Sprache), Dysphagie (Schluckbeschwerden), Drop Attacks (Sturzanfälle); Ataxie (Unsicherheit); Nausea (Übelkeit), Numbness (Taubheitsgefühl im Gesicht/um den Mund), Nystagmus (unwillkürliche Augenbewegungen).
  • Anzeichen einer Beteiligung der Arteria carotis: Vorübergehender Sehverlust (Amaurosis fugax), neurologische Ausfälle (TIA-/Schlaganfallsymptome), Horner-Syndrom (Ptosis, Miosis, Anhidrose).
  • Dysfunktionen der unteren Hirnnerven.

(Die Tabelle aus dem Originaltext bietet einen detaillierten Symptomvergleich, der hier als wichtige Warnsignale zusammengefasst ist). Praktizierende müssen ein gründliches Screening durchführen, bevor sie eine Manipulation der Halswirbelsäule in Betracht ziehen (7, 8).

Weitere potenzielle Risiken:

  • Häufig: Vorübergehender Muskelkater oder Schmerzen nach der Behandlung.
  • Weniger häufig: Rippenfraktur (insbesondere bei älteren/osteoporotischen Patienten), Verschlechterung eines Bandscheibenvorfalls, vorübergehende neurologische Symptome.

Die Auswahl geeigneter Techniken und die Patientenauswahl auf der Grundlage einer gründlichen Beurteilung sind für Sicherheit und Wirksamkeit von entscheidender Bedeutung.

Wissenschaftliche Perspektive und Evidenz

Die Evidenz zur Unterstützung manueller Therapien variiert je nach Erkrankung, der spezifisch angewandten Technik und dem Beruf, der sie anwendet (9, 10).

  • Wirbelsäulenmanipulation: Es gibt Evidenz von moderater Qualität, die ihre Anwendung bei akuten und subakuten Kreuzschmerzen unterstützt, sowie einige Evidenz für bestimmte Arten von Nackenschmerzen und zervikogenem Kopfschmerz (9, 10). Sie wird oft als eine mögliche Behandlungsoption in klinischen Praxisleitlinien empfohlen.
  • Mobilisation und Weichteiltechniken: Werden oft als Teil eines umfassenderen Physiotherapie- oder Rehabilitationsprogramms neben Übungen eingesetzt. Die Evidenz unterstützt ihre Anwendung zur Verbesserung der Mobilität und Schmerzlinderung bei verschiedenen muskuloskelettalen Erkrankungen, obwohl sie oft am stärksten ist, wenn sie mit aktiven Ansätzen kombiniert wird (3, 4).
  • Osteopathische manipulative Behandlung (OMT): Evidenzprüfungen zeigen potenzielle Vorteile bei Kreuzschmerzen, aber die Evidenz für andere Erkrankungen, insbesondere solche, die auf viszeralen oder kranialen Konzepten basieren, ist oft begrenzt oder nicht schlüssig (2, 6).
  • Insgesamt: Viele Leitlinien empfehlen manuelle Therapietechniken als Teil eines multimodalen Ansatzes (einschließlich Bewegung und Aufklärung) für häufige muskuloskelettale Schmerzzustände (9). Für viele spezifische Anwendungen und Techniken ist mehr qualitativ hochwertige Forschung erforderlich.

Differentialdiagnose

Schmerzen, die in Bereichen auftreten, die üblicherweise mit manueller Therapie behandelt werden (z. B. Rücken, Nacken, Kopf), erfordern den Ausschluss nicht-muskuloskelettaler oder schwerwiegender Ursachen:

Leitsymptom Potenzielle schwerwiegende/nicht-muskuloskelettale Ursachen
Kreuzschmerzen Cauda-equina-Syndrom, Wirbelsäuleninfektion (Spondylodiszitis/Osteomyelitis), Wirbelsäulentumor (Primär/Metastasen), Wirbelkörperfraktur (Osteoporotisch/Traumatisch), Entzündliche Spondyloarthropathie (z. B. Morbus Bechterew), Bauchaortenaneurysma, Nierenstein/-infektion, Pankreatitis, Beckenentzündung.
Nackenschmerzen Zervikale Myelopathie, Wirbelsäuleninfektion/-tumor, Wirbelkörperfraktur/-instabilität, Meningitis, Gefäßdissektion (Vertebral/Carotis), Ausstrahlender Herzschmerz (Angina/Herzinfarkt), Entzündlicher Arthritis-Schub.
Kopfschmerzen Subarachnoidalblutung, Meningitis/Enzephalitis, Hirntumor, Riesenzellarteriitis, Schlaganfall/TIA, Akutes Glaukom, Kohlenmonoxidvergiftung, Intrakranielle Hypertonie/Hypotonie.
Schulterschmerzen Rotatorenmanschettenriss (Komplett), Fraktur, Septische Arthritis, Ausstrahlender Schmerz (Kardial, Zwerchfell, Gallenblase), Tumor, Entzündlicher Arthritis-Schub.

Eine gründliche Anamnese und Untersuchung sind unerlässlich, um diese Warnsignale (Red Flags) vor Beginn einer manuellen Therapie auszuschließen.

Referenzen

  1. World Health Organization (WHO). WHO guidelines on basic training and safety in chiropractic. Geneva: WHO; 2005. Available from: https://www.who.int/publications/i/item/9789241593717
  2. World Health Organization (WHO). Benchmarks for training in osteopathy. Geneva: WHO; 2010. Available from: https://www.who.int/publications/i/item/9789241599665
  3. International Federation of Orthopaedic Manipulative Physical Therapists (IFOMPT). Educational Standards in Orthopaedic Manipulative Therapy. 2016. (Defines manual therapy within PT context)
  4. Chaitow L, DeLany J. Clinical Application of Neuromuscular Techniques, Volume 1: The Upper Body. 2nd ed. Churchill Livingstone; 2008. (Covers soft tissue techniques like MET, PIR)
  5. National Center for Complementary and Integrative Health (NCCIH). Spinal Manipulation: What You Need To Know. Updated Dec 2019. Available from: https://www.nccih.nih.gov/health/spinal-manipulation-what-you-need-to-know
  6. Franke H, Franke JD, Fryer G. Osteopathic manipulative treatment for nonspecific low back pain: a systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskelet Disord. 2014;15:286. doi:10.1186/1471-2474-15-286
  7. International Federation of Orthopaedic Manipulative Physical Therapists (IFOMPT). Cervical Arterial Dysfunction (CAD) International Framework. 2020. (Guidance on screening for vascular risks)
  8. Cassidy JD, Boyle E, Côté P, et al. Risk of vertebrobasilar stroke and chiropractic care: results of a population-based case-control and case-crossover study. Spine (Phila Pa 1976). 2008;33(4 Suppl):S176-S183. doi:10.1097/BRS.0b013e3181644600
  9. Rubinstein SM, de Zoete A, van Middelkoop M, Assendelft WJ, de Boer MR, van Tulder MW. Benefits and harms of spinal manipulative therapy for the treatment of chronic low back pain: systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials. BMJ. 2019;364:l689. doi:10.1136/bmj.l689
  10. Gross A, Langevin P, Burnie SJ, et al. Manipulation and mobilisation for neck pain contrasted against an inactive control or another active treatment. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(9):CD004249. doi:10.1002/14651858.CD004249.pub4