Kiefergelenksdysfunktion (CMD) und Arthrose
Was sind Kiefergelenkserkrankungen (CMD)?
Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD), oft auch einfach als Kiefergelenkserkrankung bezeichnet, umfasst eine Gruppe von Beschwerden, die Schmerzen und Funktionsstörungen im Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis) und in der Kaumuskulatur verursachen (1, 2).
Diese Erkrankungen können die Fähigkeit einer Person beeinträchtigen, zu sprechen, zu essen, zu kauen, zu schlucken, Gesichtsausdrücke zu machen und sogar zu atmen. CMD ist multifaktoriell bedingt und betrifft oft das Gelenk selbst, die Kaumuskulatur oder beides (1, 3).
Eine spezifische Form der CMD beinhaltet degenerative Veränderungen innerhalb des Gelenks, bekannt als Kiefergelenksarthrose. Dies beinhaltet den Abbau des Knorpels, der die Gelenkflächen bedeckt, sowie mögliche Veränderungen im darunter liegenden Knochen und im Diskus articularis (Gelenkscheibe) (4).
Anatomie des Kiefergelenks
Das Kiefergelenk ist ein komplexes Gelenk, das den Unterkiefer (Mandibula) mit dem Schläfenbein (Os temporale) des Schädels verbindet und sich direkt vor jedem Ohr befindet. Es ermöglicht scharnierartige Öffnungs- und Schließbewegungen sowie gleitende Bewegungen nach vorne, hinten und zur Seite (1).
Zu den wichtigsten Bestandteilen gehören:
- Der Processus condylaris (das abgerundete Ende des Unterkiefers).
- Die Fossa articularis und das Tuberculum articulare des Schläfenbeins (die Gelenkpfanne).
- Ein Diskus articularis (Gelenkscheibe) aus Knorpel, der sich zwischen Kondylus und Fossa befindet, eine reibungslose Bewegung ermöglicht und Stöße dämpft.
- Bänder, die das Gelenk stabilisieren.
- Die umgebende Kaumuskulatur (z. B. M. masseter, M. temporalis, Mm. pterygoidei), die die Kieferbewegungen antreibt.
Arten von CMD
CMD wird üblicherweise in drei Hauptgruppen eingeteilt, die einzeln oder in Kombination auftreten können (1, 2, 3):
- Myofasziale Schmerzsyndrome: Gekennzeichnet durch Schmerzen und Funktionsstörungen, die primär von der Kaumuskulatur ausgehen. Zu den Merkmalen gehören Muskelempfindlichkeit, Ermüdung, in andere Bereiche (wie Schläfen, Nacken oder Ohren) ausstrahlende Schmerzen und manchmal eine eingeschränkte Kieferöffnung aufgrund von Muskelverspannungen oder -krämpfen. Myofasziale Triggerpunkte (empfindliche Stellen in den Muskeln) können eine wesentliche Schmerzquelle sein (3).
- Interne Derangements (Diskusverlagerungen): Beinhalten Probleme mit der Position oder Funktion des Diskus articularis innerhalb des Kiefergelenks. Häufige Beispiele sind:
- Diskusverlagerung mit Reposition: Der Diskus ist (meist nach vorne) verlagert, wenn der Mund geschlossen ist, kehrt aber beim Öffnen in seine normale Position zurück ("reponiert"), was oft ein Knack- oder Klickgeräusch verursacht (1).
- Diskusverlagerung ohne Reposition: Der Diskus ist verlagert und kehrt beim Öffnen nicht in seine normale Position zurück, was oft zu einer eingeschränkten Kieferöffnung ("Kieferklemme") und Schmerzen führt (1).
- Degenerative Gelenkerkrankungen (Arthritis/Arthrose): Beinhalten eine Verschlechterung der Gelenkstrukturen.
- Arthrose (Osteoarthritis): Die häufigste Form. Gekennzeichnet durch den Abbau von Gelenkknorpel, Veränderungen im darunter liegenden Knochen (z. B. Abflachung des Kondylus, Osteophyten) und manchmal sekundäre Entzündungen (Synovitis). Oft verbunden mit Gelenkreiben (Krepitation), Schmerzen und eingeschränkter Funktion (4).
- Entzündliche Arthritis: Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Psoriasis-Arthritis können auch das Kiefergelenk betreffen und Entzündungen sowie mögliche Erosionen verursachen.
Ursachen und Risikofaktoren
CMD gilt im Allgemeinen als multifaktoriell, wobei für die meisten Fälle keine einzelne Ursache identifiziert werden kann. Zu den beitragenden Faktoren können gehören (1, 2, 3):
- Bruxismus: Das Zusammenbeißen oder Knirschen der Zähne, insbesondere im Schlaf, kann die Gelenke und Muskeln überlasten.
- Trauma: Direkte Verletzung des Kiefers, des Kiefergelenks oder der Kopf-/Nackenmuskulatur (z. B. Schleudertrauma, Aufprall).
- Malokklusion (Fehlbiss): Obwohl umstritten, können signifikante Probleme beim Zusammenbiss der Zähne bei einigen Personen beitragen und möglicherweise die Gelenkbelastung oder Muskelaktivität verändern.
- Arthritis: Arthrose oder systemische entzündliche Arthritis, die das Kiefergelenk betrifft.
- Stress und psychosoziale Faktoren: Können zu erhöhter Muskelspannung und parafunktionellen Gewohnheiten (wie Zähnepressen) führen.
- Haltungsfaktoren: Eine schlechte Kopf- und Nackenhaltung kann zu Muskelverspannungen beitragen.
- Gelenkhypermobilität: Eine erhöhte Laxität der Bänder kann einige Personen prädisponieren.
Symptome
Die Symptome können stark variieren, umfassen aber häufig (1, 2, 4):
- Schmerzen oder Empfindlichkeit im Bereich des Kiefergelenks, des Gesichts, des Nackens, der Schultern oder im/um das Ohr, insbesondere beim Kauen, Sprechen oder weiten Öffnen des Mundes.
- Steifheit oder Ermüdung der Kiefermuskulatur.
- Eingeschränkte Fähigkeit, den Mund weit zu öffnen, oder Blockieren ("Steckenbleiben") des Kiefers.
- Knackende, klickende oder reibende Geräusche (Krepitation) im Kiefergelenk beim Öffnen oder Schließen des Mundes (können schmerzhaft sein oder nicht).
- Schwierigkeiten beim Kauen oder ein plötzlicher unbequemer Biss, das Gefühl, als ob die oberen und unteren Zähne nicht richtig zusammenpassen.
- Kopfschmerzen (oft ähnlich wie Spannungskopfschmerzen), Ohrenschmerzen oder Nackenschmerzen.
- Gesichtsschwellung auf der betroffenen Seite.
Diagnose
Die Diagnose umfasst eine umfassende Beurteilung (1, 2, 7):
- Detaillierte Anamnese: Verständnis von Art, Ort, Beginn, Dauer und Auslösern der Schmerzen; Vorhandensein von Gelenkgeräuschen, Blockaden, eingeschränkter Öffnung, Kopfschmerzen, Ohrsymptomen, parafunktionellen Gewohnheiten (Pressen/Knirschen), Stressniveau sowie früheren Traumata oder zahnärztlichen Behandlungen.
- Klinische Untersuchung:
- Palpation: Beurteilung der Druckempfindlichkeit in den Kiefergelenken (lateral und manchmal durch den Gehörgang, obwohl direkte Palpationsschmerzen häufiger bei entzündlichen Erkrankungen auftreten) und der Kaumuskulatur (Masseter, Temporalis, Pterygoidei).
- Bewegungsumfang: Messung des Ausmaßes der Kieferöffnung (normal ist typischerweise >40 mm), der lateralen Bewegungen und der Protrusion, wobei Schmerzen oder Abweichungen notiert werden.
- Gelenkgeräusche: Abhören auf Knacken, Klicken oder Reiben während der Kieferbewegung.
- Okklusale Beurteilung: Untersuchung, wie die Zähne zusammenpassen, obwohl der direkte kausale Zusammenhang mit CMD komplex ist.
- Untersuchung der Halswirbelsäule: Beurteilung der Nackenhaltung und Muskelempfindlichkeit, da Nackenprobleme zu CMD-Symptomen beitragen oder diese nachahmen können.
- Bildgebende Verfahren: Nicht immer notwendig, werden aber zur Beurteilung von Gelenkstrukturen eingesetzt, insbesondere wenn ein internes Derangement oder eine Arthrose vermutet wird oder wenn die Symptome schwerwiegend sind oder nicht auf die anfängliche Behandlung ansprechen (1, 7).
- Orthopantomogramm (OPG): Bietet einen allgemeinen Überblick über Zähne, Unterkiefer und Kiefergelenke, aber die Detailgenauigkeit des Gelenks selbst ist begrenzt. Nützlich zum Screening auf grobe Pathologien.
- Digitale Volumentomographie (DVT / CBCT): Bietet detaillierte 3D-Bilder der knöchernen Bestandteile des Kiefergelenks, hervorragend zur Beurteilung degenerativer Veränderungen (Arthrose), Frakturen oder knöcherner Anomalien (7).
- Magnetresonanztomographie (MRT): Die beste Modalität zur Visualisierung von Weichteilen, insbesondere der Position und des Zustands des Diskus articularis, von Gelenkergüssen (Entzündungen) und des umgebenden Gewebes (7). Unerlässlich für die genaue Diagnose von Diskusverlagerungen.
- Standard-Röntgenaufnahmen des Kiefergelenks haben im Vergleich zu DVT oder MRT nur begrenzten Nutzen.
- Diagnostische Kriterien für Temporomandibuläre Störungen (DC/TMD): Standardisierte Kriterien, die von Forschern und Klinikern verwendet werden, um CMD basierend auf Anamnese und klinischen Befunden in spezifische diagnostische Kategorien einzuteilen (2).
Behandlung
Die Behandlung zielt darauf ab, Schmerzen zu lindern, die Funktion wiederherzustellen und beitragende Faktoren zu reduzieren. Ein konservativer, reversibler Ansatz wird in der Regel zuerst empfohlen (1, 8).
- Patientenaufklärung und Selbstpflege:
- Verständnis der Erkrankung und ihrer multifaktoriellen Natur.
- Essen weicher Speisen, Vermeiden von weitem Gähnen, Kaugummikauen und harten/zähen Speisen.
- Anwendung von feuchter Wärme oder Kühlakkus auf die betroffenen Bereiche.
- Stressmanagement und Entspannungstechniken.
- Bewusstsein und Reduzierung parafunktioneller Gewohnheiten (Pressen/Knirschen).
- Physiotherapie:
- Übungen (Heilgymnastik) zur Verbesserung der Kiefermobilität, Koordination und Muskelkraft/-entspannung.
- Haltungstraining für Kopf und Nacken.
- Manuelle Therapietechniken (Muskelmanipulation) zur Gelenkmobilisation und Muskelentspannung.
- Modalitäten wie Ultraschall, Wärme/Kälte oder TENS zur Schmerzlinderung (obwohl die Evidenz variiert).
- Orale Apparaturen (Aufbissschienen oder Okklusionsschienen): Maßgefertigte Geräte, die über den Zähnen getragen werden (meist nachts), um vor Bruxismus zu schützen, Muskelverspannungen zu reduzieren und manchmal den Kiefer neu zu positionieren oder das Gelenk zu entlasten (1, 8). Ihre Wirksamkeit und ihr Mechanismus werden für verschiedene CMD-Arten diskutiert.
- Medikamente:
- NSAR (z. B. Ibuprofen, Naproxen) gegen Schmerzen und Entzündungen.
- Analgetika (z. B. Paracetamol).
- Muskelrelaxantien (kurzfristig) bei akuten Muskelkrämpfen.
- Niedrig dosierte trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin) bei chronischen Schmerzen und Schlafstörungen.
- Manchmal Antikonvulsiva (z. B. Gabapentin) für neuropathische Schmerzkomponenten.
- Injektionen (Medikamenteninjektion):
- Triggerpunkt-Injektionen (Lokalanästhetikum, manchmal mit Steroid) in empfindliche Muskelpunkte bei myofaszialen Schmerzen (3).
- Intraartikuläre Injektionen (Kortikosteroide oder Hyaluronsäure) in den Kiefergelenksspalt bei Entzündungen oder Arthrose (1, 4).
- Botulinumtoxin (Botox)-Injektionen in die Kaumuskulatur (z. B. Masseter, Temporalis) bei schweren myofaszialen Schmerzen oder Bruxismus (die Anwendung ist oft Off-Label und erfordert Expertise) (1).
- Chirurgie (Operative Behandlung): Wird nur für einen kleinen Prozentsatz von Patienten mit spezifischen strukturellen Gelenkproblemen (z. B. schweres internes Derangement, fortgeschrittene Arthrose) in Betracht gezogen, bei denen eine umfassende konservative Behandlung erfolglos blieb. Die Verfahren reichen von minimal-invasiver Arthrozentese (Gelenkspülung) und Arthroskopie bis hin zu komplexeren offenen Gelenkoperationen oder Gelenkersatz (1).
Das Management erfordert oft die Zusammenarbeit von Zahnärzten, Ärzten, Physiotherapeuten und manchmal Schmerzspezialisten oder Psychologen.
Differentialdiagnose
Schmerzen in der Kiefergelenksregion können verschiedene Ursachen haben (1, 9):
| Erkrankung | Wichtige Unterscheidungsmerkmale |
|---|---|
| Zahnprobleme | Zahnschmerzen (Pulpitis, Abszess), Parodontalerkrankungen, retinierte Weisheitszähne. Schmerz oft auf einen Zahn lokalisiert, empfindlich auf Temperatur oder Druck. Zahnärztliche Untersuchung ist entscheidend. |
| Ohrenprobleme | Otitis media/externa (Mittelohr-/Gehörgangsentzündung), Tubenkatarrh. Begleitende Hörveränderungen, Ausfluss, Völlegefühl. Otoskopische Untersuchung erforderlich. |
| Sinusitis | Entzündung der Nasennebenhöhlen. Gesichtsdruck/-schmerz (oft Wangen, Stirn), verstopfte Nase/Ausfluss, manchmal Zahnschmerzen. |
| Speicheldrüsenerkrankungen | Parotitis (Entzündung/Infektion der Ohrspeicheldrüse), Sialolithiasis (Speichelsteine). Schwellung/Schmerz über der Drüse, oft im Zusammenhang mit Mahlzeiten. |
| Neuropathische Schmerzen / Neuralgien | Trigeminusneuralgie (scharfer, stromschlagartiger Schmerz im Versorgungsgebiet des Nervs), Glossopharyngeusneuralgie, atypischer Gesichtsschmerz. Schmerzqualität und Auslöser unterscheiden sich von typischer CMD. |
| Riesenzellarteriitis (Arteriitis temporalis) | Entzündung großer/mittelgroßer Arterien, typischerweise >50 Jahre alt. Kopfschmerzen (Schläfe), Druckempfindlichkeit der Kopfhaut, Claudicatio masticatoria (Schmerzen beim Kauen), Sehstörungen. Erfordert dringende Diagnose/Behandlung. Erhöhte BSG/CRP häufig. |
| Erkrankungen der Halswirbelsäule | Nackenschmerzen/-steifheit, Kopfschmerzen (zervikogen), ausstrahlende Schmerzen in Gesicht oder Kieferregion. |
| Tumore/Neoplasien | Seltene Ursachen für Schmerzen/Funktionsstörungen in der Kiefergelenksregion. Anhaltende, fortschreitende Symptome, neurologische Defizite oder knöcherne Veränderungen in der Bildgebung können den Verdacht erhärten. |
Referenzen
- National Institute of Dental and Craniofacial Research (NIDCR). TMJ (Temporomandibular Joint and Muscle Disorders). Updated March 2023. Available from: https://www.nidcr.nih.gov/health-info/tmj
- Schiffman E, Ohrbach R, Truelove E, et al. Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD) for Clinical and Research Applications: recommendations of the International RDC/TMD Consortium Network and Orofacial Pain Special Interest Group. J Oral Facial Pain Headache. 2014;28(1):6-27. doi:10.11607/jop.1151
- Graff-Radford SB, Bassiur JP. Temporomandibular Disorders and Headaches. Neurol Clin. 2016;34(2):525-537. doi:10.1016/j.ncl.2015.12.003 (Discusses myofascial component)
- Tanaka E, Detamore MS, Mercuri LG. Degenerative disorders of the temporomandibular joint: etiology, diagnosis, and treatment. J Dent Res. 2008;87(4):296-307. doi:10.1177/154405910808700406
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- Okeson JP. Management of Temporomandibular Disorders and Occlusion. 8th ed. Elsevier; 2019. (Standard textbook)
- Ahmad M, Hollender L, Anderson Q, et al. Research diagnostic criteria for temporomandibular disorders (RDC/TMD): development of image analysis criteria and examiner reliability for image analysis. Oral Surg Oral Med Oral Pathol Oral Radiol Endod. 2009;107(6):844-860. doi:10.1016/j.tripleo.2009.02.023
- List T, Axelsson S. Management of TMD: evidence from systematic reviews and meta-analyses. J Oral Rehabil. 2010;37(6):430-451. doi:10.1111/j.1365-2842.2010.02089.x
- Scrivani SJ, Keith DA, Kaban LB. Temporomandibular disorders. N Engl J Med. 2008;359(25):2693-2705. doi:10.1056/NEJMra0802472 (Includes differential diagnosis)
Siehe auch
- Achillessehnenentzündung (Paratenonitis, Achillobursitis)
- Achillessehnenverletzung (Verstauchung, Ruptur)
- Verstauchung von Sprunggelenk und Fuß
- Arthritis und Arthrose (Osteoarthritis):
- Autoimmune Bindegewebserkrankungen:
- Ballenzeh (Hallux valgus)
- Epikondylitis ("Tennisarm")
- Hygrom (Ganglion)
- Gelenkankylose
- Gelenkkontrakturen
- Gelenkluxation:
- Verletzung des Kniegelenks (Bänder und Meniskus)
- Metabolische Knochenerkrankungen:
- Myositis, Fibromyalgie (Muskelschmerzen)
- Plantarfasziitis (Fersensporn)
- Tenosynovitis (infektiös, stenosierend)
- Vitamin D und Parathormon




