Kieferluxation (Kieferausrenkung)

Übersicht zur Kieferluxation

Kieferluxationen machen etwa 2,5 % aller Gelenkluxationen aus [1]. Sie können einseitig oder beidseitig auftreten, wobei beidseitige Luxationen häufiger sind [1, 2].

Kieferluxationen treten typischerweise durch übermäßiges Öffnen des Mundes auf, wie z. B. beim Gähnen, Erbrechen, bei zahnärztlichen Eingriffen (wie Zahnextraktionen), bei der Intubation (Einführen einer Magen- oder Endotrachealtubus) oder seltener durch einen direkten Schlag von unten auf das Kinn bei geöffnetem Mund [1, 2].

Das Kiefergelenk (Articulatio temporomandibularis, TMJ) verbindet den Unterkiefer (Mandibula) mit dem Schläfenbein (Os temporale) des Schädels [2]. Innerhalb des Gelenks teilt ein Discus articularis (Meniskus) die Gelenkhöhle in eine obere und eine untere Kammer [2].

Bei normaler Mundöffnung rotiert der Gelenkkopf des Unterkiefers (Kondylus) und gleitet dann entlang des Tuberculum articulare, einer knöchernen Vorwölbung am Schläfenbein direkt vor der Gelenkpfanne (Fossa mandibularis), nach vorne [2]. Normalerweise wird diese Vorwärtsbewegung durch Bänder und Muskelwirkung begrenzt [2].

Ein prädisponierender Faktor für eine Luxation kann ein von Natur aus flacheres oder unterentwickeltes Tuberculum articulare sein, das der Vorwärtsbewegung des Kondylus weniger Widerstand entgegensetzt [1]. Diese anatomische Variation wird manchmal häufiger bei Frauen beobachtet, was möglicherweise zu einer höheren Luxationsinzidenz bei Frauen beiträgt [1].

Der Mechanismus der Luxation besteht darin, dass der/die Unterkieferkondylus/-kondylen zu weit nach vorne über den Scheitelpunkt des Tuberculum articulare gleiten und sich in dem Raum davor verklemmen [1, 2]. Die Spannung in den umgebenden Bändern (wie dem Ligamentum stylomandibulare und sphenomandibulare) und der Spasmus der kräftigen Kaumuskulatur (insbesondere des Musculus masseter und der Pterygoidei) ziehen den Kiefer dann nach oben und vorne, wodurch der/die Kondylus/-kondylen in der luxierten Position effektiv fixiert werden und ein Zurückgleiten in die Fossa verhindert wird [1, 2].

Lage des Kiefergelenks (TMJ) am Schädel, wo die Kieferluxation auftritt [2].

Symptome der beidseitigen Kieferluxation

Die charakteristischen Symptome einer beidseitigen Kieferluxation umfassen [1, 2]:

  • Unfähigkeit, den Mund zu schließen (Mund bleibt offen).
  • Kiefer ragt nach vorne (prognathes Aussehen) und fühlt sich "blockiert" an.
  • Unfähigkeit, die Zähne zusammenzubeißen (Malokklusion).
  • Übermäßiger Speichelfluss (Salivation) aufgrund von Schluckbeschwerden.
  • Schwierigkeiten, deutlich zu sprechen.
  • Wangen können abgeflacht oder eingefallen wirken.
  • Eine tastbare Vertiefung oder Delle kann direkt vor dem Tragus des Ohres gefühlt werden (wo der Kondylus normalerweise sitzt).
  • Der/die dislozierte(n) Unterkieferkondylus/-kondylen können anterior tastbar sein, oft unter dem Jochbogen (Wangenknochen).
  • Schmerzen und Muskelkrämpfe im Kieferbereich.

Bei einer einseitigen Luxation treten diese Symptome primär auf der betroffenen Seite auf [1]. Der Kiefer ist weniger starr fixiert, und das Kinn weicht typischerweise zur nicht betroffenen (gesunden) Seite ab [1]. Diese Abweichung zur nicht betroffenen Seite hilft bei der Unterscheidung von einer Kondylusfraktur, bei der das Kinn aufgrund des Muskelzugs meist zur frakturierten Seite abweicht [1].

Beidseitige Kiefergelenkluxation (TMJ) im Röntgenbild, wobei die Kondylen anterior des Tuberculum articulare positioniert sind [3].

Repositionstechnik bei Kieferluxation

Die Reposition (Einrenkung) einer akuten Kieferluxation ist oft unkompliziert und kann häufig ohne Anästhesie durchgeführt werden, obwohl eine Lokalanästhesie oder eine bewusste Sedierung für den Patientenkomfort und die Muskelentspannung vorteilhaft sein kann [1, 2].

Die häufigste Methode ist der Handgriff nach Hippokrates [1, 2]:

  1. Der Patient sitzt aufrecht, vorzugsweise mit Kopfstütze.
  2. Der Arzt steht dem Patienten gegenüber.
  3. Der Arzt umwickelt seine Daumen (geschützt mit Gaze oder Klebeband, um versehentliches Beißen zu verhindern) und legt sie beidseitig auf die Kauflächen der unteren Molaren des Patienten.
  4. Die Finger beider Hände greifen von außen unter den Unterkiefer, um Halt und Hebelwirkung zu erzielen.
  5. Der Arzt übt mit den Daumen einen festen, stetigen Druck nach unten auf die Molaren aus, während er gleichzeitig mit den Fingern einen Druck nach oben auf das Kinn ausübt.
  6. Dieser Druck nach unten zielt darauf ab, die Kondylen aus ihrer Position anterior des Tuberculum articulare zu lösen und den Muskelspasmus zu überwinden.
  7. Sobald eine Abwärtsbewegung erreicht ist, wird der Kiefer sanft nach posterior (hinten) geführt und kann dann nach oben in seine normale Position innerhalb der Fossa mandibularis gleiten.
  8. Ein spürbares 'Klicken' oder 'Rucken' signalisiert oft eine erfolgreiche Reposition, wenn die Kondylen wieder einrasten.

Demonstration einer gängigen Technik (ähnlich dem Handgriff nach Hippokrates) zur Reposition einer Kieferluxation [2]. Beachten Sie die Platzierung der Daumen des Arztes auf den Molaren und die Platzierung der Finger unter dem Kinn für die Hebelwirkung. Der Schutz der Daumen ist entscheidend.

Wenn eine beidseitige Reposition schwierig ist, kann versucht werden, eine Seite nach der anderen einzurenken [1]. Wenn die manuelle Reposition fehlschlägt, kann eine Vollnarkose erforderlich sein, um eine ausreichende Muskelentspannung zu erreichen [1].

Nach erfolgreicher Reposition [1, 2]:

  • Bestätigen Sie die Reposition, indem Sie den Patienten bitten, den Mund sanft zu schließen, und die Okklusion überprüfen.
  • Legen Sie für kurze Zeit (Tage bis 1-2 Wochen) einen stützenden Verband (z. B. eine Kopf-Kinn-Kappe oder eine rückwärts getragene weiche Halskrawatte) an, um eine weite Mundöffnung zu begrenzen und ein sofortiges Wiederauftreten zu verhindern.
  • Raten Sie dem Patienten, weites Gähnen, große Bissen Nahrung und andere Aktivitäten, die das Kiefergelenk belasten, für mehrere Wochen zu vermeiden. Anfänglich wird weiche Kost empfohlen.
  • Schmerzlinderung mit NSAR kann hilfreich sein.

Chronische oder rezidivierende Luxationen können auftreten [1]. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von konservativen Maßnahmen (Einschränkung der Kieferöffnung, Physiotherapie) bis hin zu Eingriffen wie der Sklerosierungstherapie (Injektion von reizenden Lösungen zur Gewebestraffung) oder chirurgischen Eingriffen zur Behebung anatomischer Probleme oder zur Straffung der Bänder [1]. Irreponible Luxationen sind zwar selten, können aber eine offene chirurgische Reposition erfordern [1].

Eine posteriore Kieferluxation ist extrem selten und resultiert typischerweise aus einem direkten, kräftigen Schlag auf das Kinn bei geschlossenem Mund, wodurch die Kondylen nach hinten getrieben werden [1]. Dies kann möglicherweise den äußeren Gehörgang verletzen [1].

Differentialdiagnose bei akuter Kieferblockade / Kieferschmerzen

Erkrankung Hauptmerkmale / Unterscheidungsmerkmale Typische Untersuchungen / Befunde
Kieferluxation (Anterior) Unfähigkeit, den Mund zu schließen, Kiefer offen/nach vorne blockiert. Oft nach weitem Öffnen (Gähnen, zahnärztlicher Eingriff). Tastbare präaurikuläre Vertiefung, Kondylus anterior tastbar. Klinische Diagnose meist ausreichend. Röntgen (z. B. Panoramaschichtaufnahme, Towne-Aufnahme) bestätigt Kondylus anterior des Tuberculum articulare. CT selten erforderlich, außer bei Verdacht auf Fraktur.
Unterkieferfraktur (insb. Kondylus) Traumaanamnese (direkter Schlag). Schmerzen, Schwellung, Malokklusion, Schwierigkeiten beim Öffnen *oder* Schließen je nach Frakturtyp/Dislokation. Kinn kann zur frakturierten Seite abweichen. Präaurikuläre Schmerzen/Druckempfindlichkeit. Röntgen (Panoramaschichtaufnahme, Unterkieferserie) zeigt Frakturlinie. CT-Scan liefert bessere Details bei kondylären/komplexen Frakturen.
Kiefergelenksdysfunktion (CMD) / Interne Derangements Schmerzen (oft präaurikulär), Klicken, Knacken, eingeschränkte Öffnung ("geschlossene Blockade", wenn Diskus ohne Reposition verlagert ist) oder Abweichung. Möglicherweise Anamnese von Bruxismus oder Trauma. Meist weniger akute/dramatische Blockade als bei Luxation. Klinische Untersuchung zeigt oft Klicken/Druckempfindlichkeit. Röntgenbilder meist normal. MRT ist am besten zur Beurteilung der Position und Integrität des TMJ-Diskus geeignet.
Tetanus / Schwerer Muskelspasmus (Trismus) Unfähigkeit, den Mund zu ÖFFNEN (Trismus), nicht offen blockiert. Generalisierte Muskelrigidität, Spasmen (z. B. Risus sardonicus). Anamnese von Wunde/fehlender Immunisierung (bei Tetanus). Klinische Diagnose basierend auf charakteristischen Spasmen/Rigidität. Wundkultur kann C. tetani identifizieren (oft negativ). Bildgebung meist normal.
Zahnabszess / Schwere odontogene Infektion Schwere Zahn-/Kieferschmerzen, Gesichtsschwellung, Fieber. Kann reaktiven Muskelspasmus (Trismus - Schwierigkeiten beim Öffnen) verursachen, aber typischerweise keine offene Blockade/Luxation. Zahnärztliche Untersuchung identifiziert den infizierten Zahn. Röntgen/CT kann Abszess oder Osteomyelitis zeigen. Erhöhte Entzündungsmarker.
Peritonsillarabszess / Tiefe Halsinfektion Halsschmerzen, Fieber, kloßige Sprache, Dysphagie, oft deutlicher Trismus (Schwierigkeiten beim Öffnen). Klinische Untersuchung zeigt pharyngeale/tonsilläre Schwellung/Abweichung. CT des Halses bestätigt die Lage des Abszesses.


Referenzen

  1. Laskin DM, Abubaker AO. Diagnosis and Treatment of Temporomandibular Joint Dislocation. In: Fonseca RJ, ed. Oral and Maxillofacial Surgery. 2nd ed. Saunders; 2009. Vol 3, Chapter 35. (Or a similar OMFS textbook chapter).
  2. Thomsen TW, Benjamin B, Setnik GS. Procedures Consult: Temporomandibular Joint (TMJ) Dislocation Reduction. Elsevier; 2008. (Or similar Emergency Medicine procedure reference).
  3. White SC, Pharoah MJ. Oral Radiology: Principles and Interpretation. 7th ed. Mosby; 2014. Chapter 24: Temporomandibular Joint Imaging.
  4. Marx JA, Hockberger RS, Walls RM, et al. Rosen's Emergency Medicine: Concepts and Clinical Practice. 9th ed. Elsevier; 2018. Chapter 41: Maxillofacial Trauma.